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Der Engel aus dem Abflussrohr
Der Engel aus dem Abflussrohr
Autorenpaar Bettina Göschl und Klaus-Peter Wolf lebt und arbeitet seit zwei Jahren in Norden
Klaus-Peter Wolf gilt als einer der bedeutendsten deutschen Autoren unserer Zeit. Dabei
scheint seine Dichterseele in zwei Richtungen zu streben. Einerseits. Hart recherchierte
Romane über Rockerbanden, Frauenhandel oder Reinkarnation und sozialkritische Tatorte –
Drehbücher sorgten für erregte Diskussionen. Andererseits: Über fünfzig Kinderbücher mit einer weltweiten Auflage von über acht Millionen brachten Humor und Abenteuerlust
in ungezählte Herzen. Doch eigentlich geht es immer darum, wie der Held, (ich), in
einer zunächst auswegslosen Situation (Welt) zu sich selbst und seiner wahren inneren Kraft
findet. So auch in den neuen Büchern und CDs, die Wolf in den vergangenen Jahren zusammen mit seiner Lebenspartnerin, der Erzieherin und Liedermacherin Bettina Göschl kreierte.
Herr Wolf, was hat Sie dazu motiviert und inspiriert, Geschichten für Kinder und Jugendliche zu schreiben?
Klaus-Peter Wolf: Ich habe das schon als kleiner Junge getan. Ich hatte eine Geschichtenerzählerbande gegründet. Mit meinen Freunden ging ich auf einem Parkplatz zwischen den Autos spazieren und erfand Abenteuer, in denen jeder meiner Freunde eine eigene Rolle spielte. Sie konnten die Handlung beeinflussen. Heute würde man das ein interaktives Spiel nennen, aber das Wort kannten wir nicht. Wir sahen aus wie ganz brave Kinder, die hintereinander im Kreis spazieren gingen, ähnlich wie in einem Gefängnishof (grinst). In Wirklichkeit waren wir gar nicht brav, denn in den Geschichten waren wir Piraten. Wir brandschatzten, plünderten und überfielen fremde Schiffe. Damals lernte ich die Macht der Fantasie kennen.
»Aus Riesen-Monster-Problemen werden Zwerge,
wenn man sie als Ritter aus dem Turm der Burg beobachtet.«
Was zeichnet Kinder und Jugendliche als Zielgruppe aus?
Klaus-Peter Wolf: Ich liebe es, auf langen Reisen durch Schulen und Bibliotheken Kindern und Jugendlichen aus meinen Büchern vorzulesen. Es ist dann, als würde die Geschichtenerzählerbande weiterleben. Vor kurzem hatte ich meine 4000ste Veranstaltung. Es sind natürlich nicht nur Kinder dabei, sondern auch immer ein paar Erwachsene. Der Witz ist: Kinder verstehen mich sofort, Erwachsene brauchen meist ein bisschen länger. Sobald sie sich aber selbst auf die Geschichten eingelassen haben, bekommen sie jüngere Gesichter, ein Strahlen geht dann von ihnen aus. Bei manchen hält das lange an, es wirkt wie eine Verjüngungskur. Kein Wunder, dass unsere Geschichten auch von Erwachsenen gelesen werden.
Frau Göschl, die gleiche Frage auch an Sie. Was bringt Sie dazu Lieder zu schreiben?
Bettina Göschl: Neulich stöberte ich in einem alten Fotoalbum aus meiner Kindheit. Mir fiel auf, wie oft ich auf diesen Bildern mit einer Gitarre zu sehen bin, mit einem Klavier oder aber als fünfjährige Rocksängerin mit Strumpfhose und Mikrofon. Die Bühne war der alte Schreibtisch meines Vaters. Mein Vater war zwar kein Musiker im eigentlichen Sinne, aber er liebte Musik über alles. Dann hatte ich das Glück, schon im frühen Schulalter mit acht Jahren auf einen Musiklehrer und Pädagogen zu treffen, der meine musikalischen Fähigkeiten erkannt und gefördert hat. Ich erhielt Unterricht in Musikalischer Grundausbildung, Blockflöte und Querflöte. Musiziert habe ich eigentlich immer, es machte einfach Spaß. Später brachte ich mir selbst Gitarre bei. Das Musizieren war für mich auch eine Art Ventil, um Stress abzubauen und Gefühle und Stimmungen zum Ausdruck zu bringen, die ich nicht so gut in Worte fassen konnte.
Und wo liegt der Reiz für Sie, sich als Sängerin und Liedermacherin
besonders an Kinder zuwenden?
Bettina Göschl: Eigentlich bin ich Erzieherin und habe auch Musikalische Früherziehung unterrichtet. Sowohl im Kindergarten als auch mit
behinderten und sprachauffälligen Kindern habe ich die Musik zum Schwerpunkt in meiner Arbeit gemacht. Damit habe ich erstaunliche Erfolge erzielt. Die Musik und der spielerische Umgang damit wirkten sich auf die Kinder und deren Entwicklung sehr positiv aus.
Gerade für Kinder mit sprachlichen Problemen war die Musik ein guter Weg, sich auszudrücken. Ich erlebte, wie gerne Kinder zuhörten,
mitmachten und integriert werden konnten. Aus der Praxis heraus habe ich dann Themen aufgegriffen, zu denen ich allerdings keine
passenden Lieder fand. 1992 fing ich an, Lieder für Kinder zu schreiben.
Inzwischen habe ich nach elf Jahren meinen Erzieherberuf aufgegeben und mich als Liedermacherin und Kinderbuchautorin
selbstständig gemacht. Auf meinen Reisen stelle ich den Kindern dann mit viel Freude meine Lieder mit Gitarre vor und animiere sie
zum Mitmachen und Mitsingen. Der direkte Kontakt ist mir sehr wichtig. Außerdem ist es gut zu wissen, wie meine Lieder bei den Kindern ankommen und ob ich mein Publikum erreiche.
»Wir lassen magische Kinderwelten leben und geben ihnen eine Existenzberechtigung gegen die rationale Welt.«
Haben Sie eine Art pädagogisches Ziel vor Augen? Gibt es bestimmte Werte, die Sie vermitteln wollen?
Klaus-Peter Wolf: Wir lassen magische Kinderwelten leben und geben ihnen eine Existenzberechtigung gegen die rationale Welt. Wir
nehmen Kinder als Gestaltenwandler ernst – die mühelos von einer Rolle in eine andere schlüpfen, z. B. vom Drachen zum Ritter werden –
und sich so ausprobieren. Mit unseren CDs leisten wir Hilfestellungen, zum Indianer oder zum Regenmacher zu werden und einen
anderen Kontakt zur Natur zu bekommen. Als Ritter, Indianerhäuptling, Nachtgespenst oder Pirat bekommt man einen anderen Blick auf
die Probleme dieser Zeit und dieser Zivilisation. Vieles, was uns im Alltag würgt und übermächtig wird, ist aus der Perspektive eines
Indianerjungen belanglos. Und aus Riesen-Monster-Problemen werden Zwerge, wenn man sie als Ritter aus dem Turm der Burg beobachtet.
Bettina Göschl: Nach wie vor üben Figuren wie Ritter, Drachen, Indianer und Gespenster auf Kinder eine große Faszination aus. Kinder lieben es, sich in andere Welten zu versetzen und in andere Rollen zu schlüpfen. Klaus-Peter und ich tun das gleiche ja letztendlich auch, wenn
wir uns im Schreibprozess befinden. Als Erzieherin habe ich die Erfahrung gemacht, dass so manches Kind in seiner Verkleidung als Ritter, gefährlicher Drache oder
Indianerhäuptling aufblühte. Es zeigte mehr von sich, seinen Träumen, seinen Ängsten und schlummernden Fähigkeiten. Oder es
gewann an Mut und Selbstvertrauen, was sich auf die gesamte Entwicklung des Kindes positiv auswirkte. Wir möchten, dass Kinder sich in
unseren Liedern und Geschichten wieder finden und in ihrer Persönlichkeit gestärkt werden. Unser Verlag JUMBO Neue Medien hat
ein tolles Motto: »Für Kinder nur das Beste.«
Was sollten Eltern bei der Erziehung vermeiden?
Klaus-Pefer Wolf: Man erzieht Kinder nicht mit pädagogischen Konzepten. Und schon gar nicht mit Strafen, Taschengeldentzug oder der
berühmten »Konsequenz«. Man nimmt sie an wie sie sind und liebt sie. Alles andere ist zum Scheitern verurteilt.
Beffina Göschl: Ich glaube, dass Kinder für ihre Entwicklung viel Fantasie und Geschichten brauchen. Ich selbst erzähle in meinen Liedern
auch Geschichten. Ich wünsche mir, dass Eltern den Mut haben und sich die Zeit nehmen, in die fantastische Welt ihrer Kinder einzutauchen. Ich lege Eltern ans Herz, nicht ihre eigenen Wünsche und Vorstellungen auf ihre Kinder zu projizieren, sondern genau zu beobachten, welche Fähigkeiten und kreatives Potential ihr Kind besitzt und die Entfaltung dann mit allen Möglichkeiten zu unterstützen.
Welches Erlebnis mit Kindern hat Sie auf Ihren Vortragsreisen am meisfen berührt?
Klaus-Peter Wolf: Bettina und ich treten ja oft gemeinsam auf. Das ist manchmal ein ganz komisches Gefühl. Sie kommt auf die Bühne
und kurze Zeit später singen ein paar hundert Kinder ihre Lieder aus vollem Herzen. Der Raum ist dann plötzlich voller guter Energie.
Man hat das Gefühl, es vibriert.
Bettina Göschl: Wenn wir Von langen Reisen zurückkommen, schicken uns die Kinder oft selbst geschriebene Geschichten oder Bilder.
Manchmal erzählen sie darin sehr traurige Dinge über sich und ihr Leben und vertrauen sich uns an. Mich berührt, dass die Lieder und
Geschichten in den Kindern So lange nachwirken. Dann habe ich das Gefühl, was wir tun macht Sinn und wir sind auf dem richtigen
Weg.
Vielen Dank für dieses Gespräch
Klaus-Peter Wolf, geb.1954 in Gelsenkirchen, verstand sich von klein aufais Geschichtenerzähler, war bereits als Jugendlicher neben
Heinrich Böll mit Kurzgeschichten in den Feuilletons großer Tageszeitungen vertreten, erhieltfürseine Romane, Dreh- und Kinderbücher etliche bedeutende Auszeichnungen (u.a, Anne-Frank-Preis, Rocky Award for best made TV-movies, Erich-Kästner-Preis, Nominierung für den Goldenen Löwen).
Info: www.klauspeterwolf.de
Kontakt. kpwolf@t-online.de
Bettina Göschl, 1967 in Bamberg geboren, ist ausgebildete Erzieherin und schreibt seit 1992
Lieder für Kinder. Mit dem Schriftsteller Klaus-Peter Wolf hat sie einige Kinderbücher veröffentlicht. Auf ihren Lesereisen durch Deutschland und die Schweiz liest sie Geschichten und
singt ihre Lieder – begleitet von ihrer Gitarre »Gitti«. Bettina Göschl schreibt für die ZDF-Kinderserie »SIEBENSTEIN« Geschichten und Drehbücher und lebt heute als freie Autorin und Liedermacherin an der Nordseeküste.
Info: www.bettinagoeschl.de
Kontakt. hallo@bettinagoeschl.de
Bücher Wolf/Göschl:
Leon und die wilden Ritter. Cbi Verlag
Anna im Land Verkehrtherum. Annette Betz Verlag
Mutiger Ritter Kunibert. Ars edition
Seeungeheuer ahoi! Ars edition
Die erste Begegnung. Schneider Buch
Das unheimliche Piratenschiff Schneider Buch
Das Schloss des Zauberers. Schneider Buch
Aktuell: Achat- Der Engel aus dem Abflussrohr. Gerstenberg Verlag
CDs/Hörbücher Wolf/Göschl:
Gespensternacht und Monsterspuk JUMBO Neue Medien
Indianerfeder und Büffeltanz. JUMBO Neue Medien ISBN 3-8337-1261-9.
Ritterfest und Drachentanz. JUMBO Neue Medien ISBN 3-8337-1129-9.
Die »Drei tolle Nullen«
»Die Kids-Kultbuchserie« mit neun Bänden über
Oskar, Olaf und Olli hatte ungeahnte Folgen. Es
gründeten sich im gesamten deutschsprachigen
Raum mehr als 200 »Drei-tolle-Nullen«-Fanclubs
mit eigenen Clubausweisen und vom Autor persön-
lich unterschriebenen Urkunden. So verpflichten
sich die Mitglieder der »Drei-tolle-Nullen«-Clubs:
»Zu lachen, wenn wirfröhlich sind, zu weinen, wenn
wir traurig sind, zu essen, wenn wir Hunger haben,
zusammenzuhalten und uns nicht unterkriegen zu
lassen und den Erwachsenen Streiche zu spielen,
so ofles nurgeht«.
(Erschienen im Franz-Schneider-Verlag)
Inzwischen gehören die »Drei tollen Nullen« zum
Standardprogramm von Kinderkanal undARD und
haben, obwohl sie bisher schon neun Mal wieder-
holt wurden, steigende Einschaltquoten.
ACHAT – Der Engel aus dem Abflussrohr
Im Himmel war die Hölle los. Sämtliche Alarmanlagen klingelten seit Stunden. Zunächst glaubte Achat an ein technisches
Problem. In letzter Zeit lief hier so einiges schief. Das neue Computersystem war eine einzige Katastrophe. Als Achat aber zum
Einsatzleiter gerufen wurde, ahnte er gleich: Diesmal war es schlimmer. Viel schlimmer. Normalerweise befasste Chefengel Maikel sich gar nicht mit
solchem Kleinkram. Nur selten hatte jemand wie Achat überhaupt die Gelegenheit, mit Engeln der Führungsebene zu reden. Der erhabene Maikel
war völlig entnervt und stocksauer. Sein Heiligenschein leuchtete nicht mehr. Im Gegenteil – um Maikel herum verdunkelte sich alles. Die Luft
vibrierte. Achat spürte das drohende Gewitter. Er bekam gleich ein schlechtes Gewissen. Was hatte er diesmal falsch gemacht? An den Computern
saßen keine Engel. Es sah aus, als hätten sie ihre Arbeitsplätze fluchtartig verlassen. Auf einem Bildschirm rannten kleine Teufelchen hin und her. Da
hatte wohl jemand das verbotene »Schieß-den-Teufel«-Spiel gespielt. Offensichtlich nicht zum ersten Mal, denn wer immer es war, er hatte schon
10.000 Punkte im zweiten Level. Achat zeigte auf den Bildschirm und sagte: »Das war ich nicht!« Aber Maikel hörte ihn nicht. Er sah ihn nicht einmal an.
Maikel musste schreien, um die Alarmanlage zu übertönen: »Du siehst ja, was hier los ist! Ich brauche deine Hilfe, Achat!«
»Meine Hilfe? Aber – ich bin durch die Schutzengelprüfung gefallen. Ich kann nicht fliegen. Ich kann nicht durch Wände gehen. Ich kann nicht mal –«
»Ja, ja, ich weiß!« brüllte Maikel. »Du kannst nicht rechnen. Deine Sprachausbildung ist noch nicht beendet. Normalerweise würde ich einen dämlichen Versager wie dich nicht mal in diesen Raum lassen. Aber was soll ich machen? Wir haben einfach nicht genug Personal. Wir sind hoffnungslos
unterbesetzt.«
Maikel schickte einen Feuerblitz in die Computeranlage. Sofortverstummte die Alarmsirene und die Lichter auf dem Bildschirm erloschen. Kein Wunder, dass es im Himmel Probleme mit den Computern gibt, dachte Achat. Wenn er die Systeme immer so runterfährt – Jetzt war es ganz still. Maikel atmete aus und setzte sich hinter seinen Schreibtisch. Er wirkte auf Achat wie vom Kurs abgekommen, wie der durchgedrehte Kommandant eines Raumschiffes. Seine Augen konnten sehr gütig sein, sagte man, aber jetzt waren sie stechend. Er zeigte auf das große Schild hinter sich. Dort stand der Engelgrundsatz Nummer Eins:
Jeder Mensch, der einen Engel zu Hilfe ruft, soll Hilfe bekommen
(Auszug aus: Klaus-Peter Wolf, Bettina Göschl: Achat-Der Engel aus dem Abflussrohr. Gerstenberg Verlag, August 2005, Abdruck mit freundlicher Genehmigung der Autoren und des Verlages)