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Zum Morden nach Norden

Am Morgen danach, als es wieder hell ist, hat Klaus-Peter Wolf es wieder getan. Mord! »Ich lebe schließlich von Mord, Totschlag und organisiertem Verbrechen«, gesteht er. Seit knapp einem Jahr lebt und arbeitet der renommierte Autor zusammen mit seiner Lebensgefährtin Bettina Göschl in Norden.

Das Furchtbarste? Das Furchtbarste für einen richtig abenteuerlustigen Jungen sind wohl Ferien zu Hause, während die meisten Klassenkameraden von tollen Stränden oder spannenden Erlebnissen schwärmen. Noch schlimmer? Noch schlimmer sind Ferien bei der 95-jährigen Urgroßmutter. »Warum ausgerechnet ich in diesen Ferien zu meiner Urgroßmutter sollte, war mir schleierhaft. War es eine Strafe für mein Verhalten in den vergangenen Monaten?«, lässt Klaus-Peter Wolf seinen Titelhelden Alexander in »Der Wächter des Tores« fragen.

Das Autorenpaar Bettina Göschl und Klaus-Peter Wolf sind von Köln nach Norden gezogen und leben und arbeiten seit knapp einem Jahr an der Nordseeküste. In Norden ist auch der Tatort entstanden, der am 16. Mai in der ARD zu sehen sein wird.

Eine unheimliche, schaurige Kurzgeschichte aus dem Buch »Mörderisches Klassentreffen«, die zumindest in diesem Punkt offensichtlich keine autobiografischen Züge trägt. Denn der Urlaub mit seiner eigenen Großmutter an der Nordsee war für den heute 50-Jährigen – als er selbst noch ein kleiner Junge war – alles andere als eine Strafe. Diesen Urlaub hat der mittlerweile namhafte deutsche Schriftsteller mit internationalem Ruhm und Millionen-Auflagen nämlich nie vergessen. Kein »Scheißkaff« etwa, wie es Alexander vorfindet und »wo man nicht mal tot überm Zaun hängen möchte«. Ganz im Gegenteil. Als Klaus-Peter Wolf mit seiner Oma in Norddeich aus dem Zug steigt, fühlt er sich plötzlich einfach nur wohl.
»Als Kind im Ruhrgebiet hatte ich immer das Gefühl, keine Luft zu bekommen«, wird der gebürtige Gelsenkirchener diesen Tag deshalb nicht vergessen, an dem er an der See das erste Mal richtig durchatmen kann. Auch Bettina Göschl, 1967 in Bamberg geboren, kennt dieses befreiende Gefühl. Sie hat die gute Luft in Ostfriesland bei einem Spiekeroog-Aufenthalt vor fünf Jahren schätzen gelernt und als Allergikerin erstmal aufgeatmet. Das bekannte Autoren-Duo hat die dicke Luft der Großstadt satt und fällt einen weitreichenden Entschluss: Sie sagen ihrer Heimatstadt Köln »Tschö« und ziehen an die Nordseeküste. Gleich hinter den Deich, »um ganz unser Ding zu machen«. Seit knapp einem Jahr wohnen sie nun in Norden.

Einem Erfolgsautor über die Schulter geguckt: Klaus-Peter Wolf schreibt immer zuerst mit Tinte, wenn er seine Gedanken zu Papier bringt, erst dann auf den Computer.

»Wir wollten da wohnen, wo es am schönsten ist«, sagen sie und verspürten schon seit längerer Zeit einen gewissen Überdruss. Bettina Göschl und Klaus-Peter Wolf lieben vor allem ausgedehnte Spaziergänge am Strand. Und das Meer. Und die Weite. »Man denkt weiter und fühlt weiter« lassen sie gerne den Blick über das flache Land schweifen und sich dazu den Wind ins Gesicht blasen. Beide entwickeln ihre Ideen am liebsten in der unaufgeregten Natur. »Wenn wir hierherauf ziehen, ziehen wir ins Paradies«, glauben sie fest an die Magie des Ortes und lassen dafür Freunde und Familie zurück. Inzwischen wissen sie: »Und so ist es auch!«
Sie hatten es im Gefühl, dass da viel fließt. Zuerst die Tinte – und dann das Blut. Und Klaus-Peter Wolf hat schon viel Blut zu Papier gebracht. Zuletzt für den ARD- Fernsehklassiker »Tatort«, der zwar andernorts spielt, aber schon Norder Seeluft atmet. Ulrike Folkerts als Kommissann Lena Odenthal (am 16. Mai 2004 in der ARD) und Andrea Sawatzki als Charlotte Sänger versuchen seinen listigen Verbrechen auf die Spur zu kommen. Allerdings im etwas ungewohnten Schreibstil. »Im Licht der Dunstabzugshaube habe ich nächtelang an den Tatort-Folgen geschrieben«, erzählt einer der am gefragtesten deutschen Drehbuchautoren. »Es war die einzige Lichtquelle in unserem noch leeren Haus.« Und der Abgabetermin drängte bereits.

Bettina Göschl schreibt neben Kinderbüchern auch Lieder für Kinder. Klaus-Peter Wolf verfasst Jugendromane, Kinderbücher, Krimis und Psycho-Thriller. Vom 7. bis zum 12. Juni halten sie gemeinsam für den Friedrich-Bödeker-Kreis in Leeraner Schulen Lesungen ab.

»Ich fürchtete schon, ohne Wasser auskommen zu müssen, da erklang ein gurgelnder Laut. Allerdings nicht direkt im Wasserhahn, sondern irgendwo weit weg in den Wänden dieses Hauses. Das Wasser kam nur ganz langsam. Mit einem Rülpsen stieg es durch die Kupferrohre in den Wasserhahn. Dann platschte die braune Brühe ins Waschbecken«, hätte der gelernte Städter in diesen einsamen Nächten, in denen Stille und Dunkelheit so vollkommen sind und in denen ungewohnte Geräusche plötzlich komisch werden, auch genauso gut über seinen Titelhelden Alexander schreiben können. Das schnuckelige Friesenhäuschen, das in einer Neubausiedlung in Norden steht, befindet sich noch im Rohbau, als sie es kaufen.
»Eigentlich haben wir ein einsam gelegenes Haus gesucht«, erzählt Bettina Göschl. Die ausgebildete Erzieherin schreibt seit 1992 Kinderlieder und arbeitet seit fünf Jahren als freie Autorin mit Klaus-Peter Wolf zusammen. Es könnte genauso gut eine der fantasievollen Erzählungen aus einem ihrer Bücher sein. Denn noch bevor die Suche richtig beginnt, bietet sich die Chance für den Neuanfang überraschend schnell. Durch Zufall landen sie vor dem Schaufenster eines Norder Makler-Büros. Das hat eigentlich schon geschlossen. Aber als sie die Tür probieren, ist diese noch offen. »Es war Liebe auf den ersten Blick«, sagen sie über ihre neue Bleibe. »Hier können wir zwischen unseren langen Lesereisen die Seele baumeln lassen.« Und schreiben natürlich. Die inneren Bedingungen sind nahezu perfekt: Mit viel Platz unter dem Dach für die geräumigen Arbeitszimmer.
»Urgroßmutter hatte Tee für mich gekocht. Der Tee roch nach Kräutern, die ich nicht kannte. Sie warf drei dicke Kandisklumpen in die Tasse. Als sie den heißen Tee eingoss, zersprangen die Zuckersteine«, rührt Bettina Göschl wie Alexander in ihrer Tasse. »Wir haben gedacht, dass wir die Gelassenheit in Köln vermissen werden«, sagt sie nachdenklich. Die rheinische Art, alles etwas leichter und lockerer zu nehmen. Aber schon der Umzug, bei dem sie sich ganz bewusst von einem Norder Unternehmen abholen lassen, geht in aller Ruhe vonstatten. »Schön, wenn es so einen Anfang nimmt.« Mittlerweile sind sie angekommen und werden heimisch. Seither sind die beiden so ausgeglichen, wie man es nur ist, wenn man sich endlich einen Herzenswunsch erfüllt hat.
»Wir möchten gerne Ostfriesen werden«, sagen die Zugezogenen beim Einwohnermeldeamt und stoßen zunächst auf fragende Blicke. »Die dachten bestimmt, wir verarschen sie.« Die Handwerker tun im Haus »ganz ohne Kontrolle« das, was sie tun sollen. Auf der Straße sind sie schon nach einem Autogramm gefragt worden und ein Banker erkennt den Schriftsteller aus dem Fernsehen wieder. »Es ist hier persönlicher, nicht so anonym.« Nur an die plattdeutsche Sprache müssen sie sich noch gewöhnen und gucken fleißig »Talk op Platt«.

Wenn die beiden Autoren im heimischen Arbeitszimmer ins Reich der Fantasie abtauchen, vergessen sie ihre Umwelt völlig.

Von den Nachbarn gibt es zum Einzug einen Bogen. Ein Brauch, den sie noch nicht kannten. In der Norddeicher Arche sehen sie, »wie passend«, einen Vortrag über Sturmfluten, erkunden das Wattenmeer und staunen auf Baltrum über den kleinen Fahrradanhänger mit der Aufschrift »Polizei«. »Das glaubt einem ja keiner.« Begeistert sind sie aber vor allem von Juist und wollen unbedingt zwei Wochen dorthin. Zum Schreiben. Vielleicht ja schon an der neuen Krimireihe, in der eine Auricher Kommissarin im Mittelpunkt stehen soll – Pferdeverfolgungsjagd auf Juist inklusive.
»Ich muss erst alles erleben, ja erleiden, bevor daraus ein Buch wird«, sagt Klaus-Peter Wolf vieldeutig. Sein erstes schreibt er, als er selbst noch ein Kind ist. Mit acht. Ein Banknachbar kauft ihm das Werk ab. Für zehn Pfennig. Eigentlich wollte er lieber Pirat werden. »Aber dann entschied ich mich doch lieber, Geschichten über Piraten zu schreiben«, sagt er. Und nach einer kleinen Pause. »Und die gibt's nun mal nur an der Küste.« Fast 80 Kinderbücher, Juendromane, Krimis und Psycho- Thriller wie zuletzt der Bestseller »Karma-Attacke« mit einer Gesamtauflage von knapp acht Millionen Exemplaren in über 20 Ländem sind mittlerweile daraus entstanden. Prämiert unter anderem mit dem renommierten Erich-Kästner-Preis (1996) und dem Anne-Frank-Preis (1985), aber auch mit vielen internationalen Auszeichnungen. Die erfolgreichste Reihe heißt »Jens-Peter und der Unsichtbare«, insgesamt sechs Bücher.

Die meisten Anhänger hat die Serie in Spanien, was kein Mensch versteht», sagt der Romancier. «Ich am allerwenigsten. Ich hätte nie gedacht, dass ich für Spanier schreibe.» Zuletzt erarbeitete er zusammen mit Bettina Göschl den Titel «Das unheimliche Piratenschiff» für die Reihe «Das magische Abenteuer» und das Kinderbuch «Anna im Land Verkehrtherum». Eine Geschichte über ein Mädchen, das zu sich selbst findet. Und so ein bisschen ist es auch die Geschichte der beiden Autoren, die jetzt wissen: «Ans Meer, da gehören wir hin!» Nur schade, dass seine Oma das nicht mehr erleben kann. Denn die hat Klaus-Peter Wolf, wie sein Titelheld Alexander auch, längst beerdigt.«
TEXT: HOLGER BLOEM, FOTOS: MARTIN STROMANN

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    • Mai 2004